Die besonderen Empfehlungen dieses Monats - Buchhandlung und Verlag Bornhofen in Gernsheim am Rhein

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Lieblinge des Monats September.
Hervé Tellier: Die Anomalie

Der Reigen beginnt mit Blake. Der natürlich nicht wirklich Blake heißt – als Jo kennen ihn seine Familie und die Leute seiner Firma. Seine geheime Existenz ist mit zwanzig anderen Vor- und Nachnamen versehen, denn Blake ist Profikiller. Als solcher hat er Ende März 2021 in New York einen Auftrag zu erledigen. Victor Miesel hingegen ist Autor, seinen Lebensunterhalt verdient er mit Übersetzungen. Die Turbulenzen beim Anflug auf New York, bei denen er zu sterben glaubte, inspiereren ihn – einen knappen Monat später ist sein Bestseller fertig. Weitere Personen bekommen ihren Auftritt, dann beginnt der Reigen von neuem: Der elektromagnetische Wirbelsturm, der die Turbulenzen auslöste, hat Flugzeug und Passagiere dupliziert und nun gibt es Blake, Miesel und all die anderen in der March- und in der June-Version …

Die Ausgangssituation eines komplett duplizierten Flugzeuges ist reichlich fantastisch. Allerdings gelingt es Tellier, trotzdem alles vollkommen normal erscheinen zu lassen: Die lakonische Sprache, die Aneinanderreihung der Personen, die geheimdienstlichen Tätigkeiten als Klammer darum – das ist sehr nachvollziehbar und realistisch. Einen Thriller sehe ich nicht in diesem Buch (der Klappentext verspricht das), wohl aber einen ideenreichen, komplexen, interessanten und gut zu lesenden Spannungsroman. Der einen lange nicht loslässt!

Rowohlt Verlag, Übersetzung: Jürgen und Romy Ritte, 978-3-499-00697-5

Mariana Leky: Kummer aller Art

Nein, das ist kein neuer Roman von Mariana Leky. Ja, das ist auf ähnlichem Niveau wie "Was man von hier aus sehen kann".
Leky beglückt uns mit Kolumnen, alle 3 ½ bis 4 Seiten lang, alle lebensklug und herzerwärmend. Sie erzählt von ihren Onkeln, den Nachbarn und dem Patenkind, die Geschichten sind miteinander verwoben, ohne dass es direkte Anschlüsse gibt. Das ist bezaubernd, weil wir den Personen unvermittelt in immer anderen Blickwinkeln begegnen. Ungefähr jede dritte Geschichte hat in irgendeiner Form Psychoanalyse mit drin - es gibt einen hohen Prozentsatz an Analytiker*innen in der Großfamilie Leky, so scheint es mir. Allerdings ist die Autorin selbst dadurch wohl ziemlich immun gegen Küchenpsychologie, die uns sonst öfter in Kolumnen begegnet: Leky hat sich einen frischen und ehrlichen Blick bewahrt.

Ich empfehle, das Buch nicht in einem Rutsch zu lesen, auch wenn es dazu verführt (ein Regensonntag auf der Couch und durch ist es), sondern eher in kleineren Häppchen. Und gerne in der Reihenfolge, in der die Geschichten abgedruckt sind, sonst gerät die Entwicklung der handelnden Personen durcheinander. Alle lesen will man sowieso, wenn man das Buch mal aufgeschlagen hat …

Dumont Buchverlag, 978-3-8321-8216-8, € 22,00

Mary Delaney & Alexandra Lüthen: Ela

„BÄÄÄMMM! In mir drin explodierte etwas. Und dann sah ich tausend Farben. Echt. So war das. In Wahrheit saß da nur Ela auf meinem Platz und sagte: Hallo.“ So beginnt die Geschichte von Fatih und Ela. Im Bus, der beide zu ihren Arbeitsstellen fährt. Mit Herrn Kröter am Steuer, ewig schlechtgelaunt. Fatih ist in der Werkstatt den ganzen Tag zu nichts zu gebrauchen. Alles fällt ihm runter. Bevor Herr Kröter ihn wieder abholt, kauft Fatih einen ganzen Arm roter Rosen. Er sieht, wie sehr Ela sich darüber freut. Und weiß nicht, wie er die Stunden ohne sie überstehen soll.
Fatih und Ela sind Menschen mit Beeinträchtigung, beide haben eine Arbeitsstelle und gehen selbstbewusst ihren Weg. Schwierig wird es, als Elas Eltern sich einschalten: Für sie ist Ela sehr besonders, dies in jedem Fall, aber erwachsen, das ist sie nicht! Weil sie jeglichen Kontakt ablehnen, „leiht“ sich Fatih ein Auto und nimmt Ela mit auf den Weg in den Süden …

In dieser Liebesgeschichte stimmt alles. Wir fiebern mit Fatih, sind mit ihm gemeinsam entnervt vom Chef und den Kollegen, freuen uns über die Klugheit seiner Mutter und erschrecken vor der Übergriffigkeit von Elas Eltern. Mit jedem Satz sind wir näher an Fatih und Ela dran – an einem Leben, das völlig normal ist, es aber doch nicht oft sein darf. Mary Delaneys Illustrationen (und die tolle Ausstattung) ergänzen den Text aufs Feinste: „Ela“ ist ein Buch für Herz, Seele und Verstand.

Kunstanstifter Verlag, 978-3-948743-19-2, € 25,00

Shelly Kupferberg: Isidor. Ein jüdisches Leben

Isidor gab es wirklich. Er war der Urgroßonkel von Shelly Kupferberg, ein aus Galizien und bettelarmen Verhältnissen stammender Mann, der in Wien Rechtsanwalt wurde (und noch so einiges, manchmal nicht ganz Astreines 'drehte'). In den 1920er und 1930er Jahren führte Isidor ein großbürgerliches, wirklich reiches, gesellschaftlich anerkanntes Leben, die ganze Wiener Prominenz war bei ihm zu Gast. Er starb kurz nach dem Einmarsch der Nazis in Wien, kurz nachdem ihn die Erkenntnis traf, dass ihm diese hart erarbeitete Existenz genommen werden würde, an einer Art gebrochenem Herzen.

Shelly Kupferberg ist eigentlich Journalistin und erzählt Isidors Leben überhaupt nicht unterkühlt, aber auch nicht gefühlig. Das Buch hat verschiedene Erzählebenen: Ihre eigene "Ermittlungsarbeit" um dem Großonkel überhaupt auf die Spur zu kommen ist eine davon. Eine weitere ist die des Neffen Walter, der Kupferbergs Großvater war, Walter hat es 1938 unter noch nicht allzu großen Beschwernissen nach Palästina geschafft - und seine Erzählungen waren es vor allem, welche die Autorin veranlassten, Isidor und der Wiener Zeit und damit auch den Nazis nachzuspüren. „Isidor“ wünsche ich viele Leser*innen: Weil wir immer wieder erfahren müssen, wie das alles passiert konnte und auch, weil es wichtig ist, vom vielfältigen jüdischen Leben vor dem Holocaust zu erfahren.

Diogenes Verlag, 978-3-257-07206-8, € 24,00
 
Praktikant Jonas empfiehlt - Alexandra Bracken: Lore

Einst verrieten neun der altgriechischen Götter Zeus und er verbannte sie. Nun müssen sie alle sieben Jahre beweisen, dass sie ihre Unsterblichkeit verdienen, denn während einer Woche verlieren sie diese. Darauf werden sie von den Nachkommen der alten Helden aus den Sagen gejagt, die nun eingeschworene Familienclans sind. Diese sind selbst in modernen Zeiten noch aktiv. Und sie besitzen gewaltige Macht, denn wenn sie einen Gott töten, erhält dessen Mörder die Kräfte und die Unsterblichkeit des Gottes bis zu dem nächsten Agon, wenn die Jagd wieder beginnt. Lore, die letzte sterbliche Nachkommin des Perseus, will mit alldem eigentlich nichts mehr zu tun haben. Doch als der neue Ares, Aristos Kadmou, der einst ihre Familie ermorden ließ, einen finsteren Plan fasst muss sie mit der schwer verletzten Athene einen Pakt schließen. Nun ist sie gezwungen wieder in die Welt eindringen, die sie hinter sich lassen wollte.

Alexandra Bracken nutzt in ihrem Roman die antiken griechischen Sagen als solide Grundlage und verdreht dabei keine der Sagen. Schon die Grundidee des Romans, mit den von Zeus sterblich gemachten Göttern, ist im Rahmen der Sagen nicht unrealistisch. Sogar die auf den ersten Seiten gezeigten Wappen bzw. Zeichen der Häuser sind nie zufällig. Die Anspielungen auf manche der Geschichten werden die Fans altgriechischer Sagen nicht nur aufgrund ihrer Korrektheit mögen, sondern an manchen Stellen auch über Witze schmunzeln. Doch die gute Erzählart und die Spannung durch die Ungewissheit wem die Hauptfigur trauen kann, werden auch Menschen, die eigentlich keine Sagenfans sind, schnell zum Weiterlesen bewegen.

Arena Verlag, Übersetzung: Sabine Schilasky, 978-3-401-60638-5, € 22,00

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