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Unsere Lesepaten in 2025 - Buchhandlung und Verlag Bornhofen in Gernsheim am Rhein

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Unsere Lesepat:innen im Herbst 2025
Hotlist der indie-Verlag, Lesepatin Julia Galley
Philip Krömer: Kumari

Das Buch "Kumari" von Philip Krömer ist schon vom Einband schlicht, aber schön. Die auf rotem Hintergrund gemalt Abbildung einer Kumari gibt einem auch gleich eine Vorstellung davon, wie die Allwissende Erzählerin aussehen kann.

Eindrucksvoll in einer Geschichte verpackt, schildert die Kumari, wie sich drei Tage für sie und zwei Rebellen 2001 in Kathmandu ereignet haben, und geht dabei auf ihr Leben im Tempel und die Geschehnisse um Rupa Rana und Prinz Dipendra ein. Man lernt durch dieses Buch etwas über die Götter und Feste in Nepal und wie das Leben als reinkarnierte Göttin sein könnte. Dazu bekommt man Lust sich mehr damit zu beschäftigen. Am Ende ist es eine spannende, aber relativ kurze Geschichte zum Abschalten oder zum Weiterforschen.
Septime Verlag, 978-3-991200-59-8, € 24,00

Hotlist der indie-Verlage, Lesepatin Simone Kalka
Lea Streisand, Michael Bittner, Heiko Werning (Hrsg.): Sind Antisemitisten anwesend?
 

Vor dem Hintergrund des aktuellen Zeitgeschehens und der immer wieder bei mir auftauchenden Frage, warum viele Mitmenschen, statt an der israelischen Regierung Kritik zu üben, sofort einen Judenhass entwickeln, oder wie mir auch aufgefallen ist, rechtsgesinnte Zeitgenossen kritikwürdige Taten der Regierung Israels nutzen, um Judenhass zu schüren, bekomme ich dieses herrliche Buch in die Hände.
 

Ich finde es erfrischend wie sowohl jüdische als auch nicht jüdische AutorInnen sich humorvoll, intelligent und in meinen Augen weise mit dem Thema auseinandersetzen, mich zum Lachen und Nachdenken bringen und mir dieses Thema sogar auf humorvolle Art und Weise erklären.
 

Danke dafür.

 
Satyr Verlag, 978-3-910775-18-3, € 26,00

Hotlist der indie-Verlage, Lesepate Timm Brückmann
Faverón Patriau, Gustavo: Unten leben.

Knapp 600 Seiten, 34 Euro, wechselnde Erzählperspektiven, dutzende – mal mehr, mal weniger offensichtliche – Verweise auf Literatur und Film, explizite Darstellungen von Foltermethoden, die Allgegenwärtigkeit von Tod und der Niedergang gebrochener Menschen, gepaart mit der erdrückenden Atmosphäre südamerikanischer Diktaturen des 21. Jahrhunderts: All diese Attribute führen sicherlich nicht zum nächsten cosy-Wohlfühl-Leseerlebnis, bei dem man sich in seiner Komfortzone eskapistischen Träumen von besseren Welt hingibt.

Nein, der Roman ist das genaue Gegenteil – und das ist wahrscheinlich auch gut so.

Denn das Werk „Unten Leben“ von Gustavo Faverón Patriau, erschienen im Droschl Literaturverlag und von Manfred Gmeiner ins Deutsche übersetzt, ist so vieles mehr. Es ist ein schonungsloser Roman über den real existierenden existenziellen Horror und Wahnsinn, der die Lebensläufe vieler Menschen in Lateinamerika und darüber hinaus bestimmt. Es ist ein symbolischer Abriss über Gewalt und Folter, die die Geschichte nord- und vor allem lateinamerikanischer Gesellschaften maßgeblich geprägt haben. Und es ist ein halluzinatorisch erzählter Albtraum, der sich in mancher Schleife verliert und doch an den entscheidenden Stellen wieder zusammengewoben wird und durch wundervoll komponierte Sätze glänzt.

Der bereits an anderer Stelle angedeutete metaphorische Vergleich des Buches mit einem Labyrinth ist treffend. Denn ja, die Dichte an Verweisen auf Größen aus Literatur, Poesie und Film erschafft eine zweite Ebene, die zum enzyklopädischen Forschen auf dem Second Screen einlädt. Und ja, irgendwann erdrückt es einen – und dennoch schafft es das Buch, mich stellenweise in seinen Sog zu ziehen. Und ja, wahrscheinlich ist es das vielzitierte Meisterwerk der südamerikanischen Literatur (wer bin ich, das zu beurteilen). Und ja, irgendwann kann es die Leser:innen brechen.

Deshalb: Gehen Sie ein literarisches Abenteuer in die Abgründe menschlichen Daseins ein – und lesen Sie „Unten Leben“.

Literaturverlag Droschl, Übersetzung: Manfred Gmeiner, ISBN 978-3-99059-191-8, € 34,00

Hotlist der indie-Verlage, Lesepatin Maria Wüllenkemper
Vincenzo Cerami, Ein ganz normaler Bürger

Vincenzo Cerami begleitet mit pointierten Beobachtungen den römischen Ministerialbeamten Giovanni Vivaldi während der letzten Monate vor dessen Pensionierung. Vivaldi ist verzweifelt bemüht, seinem einzigen Sohn Mario den Weg für eine Karriere im Ministerium zu ebnen. Er unternimmt - auch gegen seine eigentlichen Überzeugungen - einiges, um dieses Ziel zu erreichen. Kurz davor kommt es jedoch zu einem tragischen Unfall, der Vivaldi in eine monströse Verzweiflungstat treibt. Ein zutiefst menschliches Buch.
Vor dem Hintergrund der Studenten- und Arbeiterrevolte der 1970er-Jahre stellt Cerami keinen Rebellen in den Mittelpunkt seiner Geschichte, sondern erhebt einen Kleinbürger, einen Repräsentanten der "schweigenden Mehrheit", zum Symbol einer Epoche. Ein in grau getauchtes, trübes Rom wird zur Kulisse für eine psychologische Studie, die mit großer Genauigkeit und grotesker Ironie die Radikalisierung eines Mannes vor Augen führt, der sich von Staat und Leben betrogen fühlt.
Alexander Verlag, Übersetzung: Esther Hansen; Burkhart Kroeber, 978-3-89581-620-8, € 22,00
Shortlist des Deutschen Buchpreises, Lesepatin Julia Kern
Jehona Kicay: ë

„Du denkst immer alles zu Ende, bevor du sprichst“ lässt Kicay eine ihrer Figuren zu der Erzählerin sagen. Genau das spiegelt auch ihr Roman wider. Er lässt uns an diesen Gedankengängen teilhaben, lässt uns mitfühlen und eröffnet neue Perspektiven. Man blickt durch ihre Augen, teilt ihre Erfahrungen als Ausländerin in Deutschland. So wird deutlich, wie Unwissenheit, Ignoranz und Vorurteile wirken – und man beginnt, sich selbst zu hinterfragen.

Ich mag es, wenn mich Bücher berühren und mich in fremde Lebenswirklichkeiten hineinziehen. Ich wachse daran, weil sie meinen Horizont erweitern. Das ist Jehona Kicay mit „ë“ eindrucksvoll gelungen. Ich habe zum Beispiel erfahren, dass Albanisch einen eigenen Zweig in der indogermanischen Sprachfamilie bildet. Auch die Bedeutung des Buchstabens ë, der zwar nicht ausgesprochen wird, aber die Betonung eines Wortes verändert, war mir neu. Ich habe einiges über die damalige politische Situation im Kosovo erfahren. Begriffe wie das „Abbrennen von Häusern“, „menschliche Schutzschilder“, „Gewalttaten an Kindern“ lassen einen erschüttert und betroffen zurück.

Die Autorin lässt eine Figur Folgendes sprechen: „Die Mörder auf dieser Welt sollten sehen, dass Knochen sprechen können, obwohl sie geglaubt haben, dass sie ihre Opfer für immer zum Schweigen gebracht haben. Ich wollte den Toten eine Stimme geben. […] Es ging mir darum, Geschehenes aus dem Vergessen zu heben“.

Kicay ist auf eindrucksvolle Weise gelungen, Erinnerung, Verlust der Heimat, Schmerz und Sprache miteinander zu verweben. Sie lässt uns an ihrem Denken teilhaben und erweitert unser Wissen. Der Roman „ë“ sollte gelesen werden, weil er uns aufrüttelt und sensibilisiert.

Auch hoffnungsvolle Töne klingen an: Als die Familie eine neue Wohnung in Deutschland sucht, stoßen sie auf ein Ehepaar aus Bosnien. Der Mann sagt: „Das, was dort unten zurzeit passiere, sei das Werk von Politikern. Es werde nicht in seinem Namen verbrochen“.

Ich wünsche mir, dass Menschen nicht nach ihrer Herkunft, ihrer Sprache, ihrer Religion, ihrer Sexualität oder anderen Merkmalen beurteilt werden. Sie sollten als das gesehen werden, was sie sind – Menschen. Und diese Menschen können in meiner Wunschzukunft Freunde sein!

Wallstein Verlag, 978-3-8353-5949-9, € 22,00

Shortlist des Deutschen Buchpreises, Lesepatin Sarah Boger
Christine Wunnicke: Wachs

Christine Wunnickes Roman Wachs ist ein schmales, aber besonderes Buch, das durch seine Sprache und seinen Stil sofort fesselt. Mit großer Leichtigkeit erzählt die Autorin die Geschichte zweier außergewöhnlicher Frauen in Paris im 18. Jahrhundert: der Anatomin Marie Bihéron und der Zeichnerin Madeleine Basseporte.

Der Einstieg ins Buch wirkt bizarr und schaurig: Die zwölfjährige Marie, Tochter eines Apothekers, bittet in einer Kaserne um den Kauf einer Leiche, um endlich ihrem Drang nachzugehen, den menschlichen Körper zu studieren. Ihre Mutter, zwischen Sorge und Bewunderung schwankend, versucht, den Wunsch der Tochter in eine „anständige“ Bahn zu lenken, und schickt sie zum Zeichenunterricht. Dort trifft Marie auf die 18 Jahre ältere Madeleine, deren Interesse der Botanik gilt und die den Zeichenunterricht gibt. In Marie sieht Madeleine etwas Besonderes und Faszinierendes, deren Art zu zeichnen sich stark von der der anderen unterscheidet.

Zwischen den beiden ungleichen Frauen, der erfahrenen Künstlerin und der wissbegierigen, willensstarken Schülerin, entwickelt sich eine von Anziehung und Ablehnung gleichermaßen geprägte Beziehung, die bald über den Zeichenunterricht hinausgeht. Die von mutigen Charakteren gekennzeichnete Liebesgeschichte zeugt von einem großen Gespür der Autorin für Zwischentöne. Kunst und Wissenschaft verschränken sich: Madeleine bewahrt mit ihren botanischen Zeichnungen das Flüchtige der Natur, während Marie durch Wachsmodelle den menschlichen Körper konserviert. Zwei Formen von Erinnerung und Erkenntnis, die sich im Titel spiegeln.

Besonders faszinierend ist, wie die Autorin Zeitgeschichte, Wissenschaft und queere Liebe miteinander verwebt. Die Französische Revolution wirft ihre Schatten voraus, und im Hintergrund hallen Fragen nach Erkenntnis, Körper, Seele und Nachleben nach. Berühmte Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts wie Diderot oder Linné treten als Zeugen, z. B. in Briefen, auf. Kleine Zeitsprünge und Wechsel zwischen den Erzählungen zu den beiden Frauen lassen die historische Einordnung zwar nicht immer leichtfallen, eröffnen jedoch Räume für eigene Gedanken.

Für mich war der Roman, wie auch Die Dame mit der bemalten Hand (2020), ein Lesevergnügen. Die Autorin hat ein Gespür für ungewöhnliche Themen und besticht durch fein komponierte Sätze. So ist Wachs eine kunstvoll geschriebene, sinnliche und spannende Erzählung, die vermeintlich vergessene oder zumindest mir bis dato unbekannte Frauen sichtbar macht und deren Stärke, Neugier und Freude an der Forschung würdigt. Ein feines Buch, das meiner Ansicht nach anhand kleiner Illustrationen zu den jeweiligen Forschungsfeldern der beiden Frauen, beispielsweise als Kapitelauftakte, noch an Strahlkraft gewonnen hätte.

Berenberg Verlag, 978-3-911327-03-9, € 24,00

Shortlist des Deutschen Buchpreises, Lesepatin Christiane Menger
Fiona Sironic: Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft

Eine erste Liebe zwischen Festhalten und Vernichten, Aussterben und Weiterleben Es brennt. In den Wäldern und auf den Screens. Die 15-jährige Era lebt mit ihrer Mutter am Waldrand und versucht dem schleichenden Prozess der Zerstörung etwas entgegenzusetzen, indem sie das Aussterben der Vögel dokumentiert. In einem Stream beobachtet sie ihre Mitschülerin Maja und deren Schwester Merle, die auf der benachbarten Lichtung Festplatten in die Luft jagen. Maja ist die Tochter zweier Momfluencerinnen, die versucht, die Erinnerungen an eine öffentliche Kindheit auszulöschen. Während Era Notizbücher führt, Zeichnungen anfertigt und all das Wissen, auf das sie Zugriff hat, zu ordnen versucht, bildet Maja eine zerstörerische Gegenkraft. Dennoch sind Era und Maja verbunden in ihrer Suche nach Intimität und analogen Reizen. Während die Turteltaube ausstirbt, verlieben die beiden sich ineinander. Aber nicht nur die Vögel sind bedroht: Als ein großflächiger Brand den Wald zerstört, verlieren auch die Mädchen einen bedeutenden Teil ihres Lebensraums.

„Sie haben lange Haare und verpixeln ihre Augen“, wen dieser Satz neugierig macht, wird die queere Coming-of-Age-Story von Fiona Sironic mögen.

Era und Maya - sie finden sich und erleben Bedrohliches, in einer Welt die einerseits mir dem Artensterben und andererseits mit den Tücken der Medienbeständigkeit im Internet struggelt.

Empfohlen für Leser*innen, die den zeitgenössischen Schreibstil mögen und sich vor einer düsteren Zukunft nicht fürchten.

Ecco Verlag, 978-3-7530-0106-7, € 23,00
Gewinnerbuch des Deutschen Buchpreises, Lesepatin Katrin Molter
Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen

Der Roman "Die Holländerinnen" basiert auf dem tatsächlichen Verschwinden und Tod von zwei jungen Holländerinnen im Jahr 2014. Mit Hilfe der realen Grundlage erzählt der Roman die Geschichte einer namenlosen Autorin, die zu einem Theaterprojekt in einem tropischen Land berufen wird. Eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern reist dorthin, um das rätselhafte Verschwinden der niederländischen Frauen nachzustellen. Die Beteiligten geraten in der Abgeschiedenheit des Dschungels an ihre Grenzen und es entstehen Konflikte.
Auffällig ist, dass das Buch sich durch einen Schreibstil im Konjunktiv abhebt. Dadurch wirken die Erzählungen der namenlosen Autorin, als ob die Leser in der Vogelperspektive die Situation betrachten würden und es entsteht eine gewisse Distanz zu den Charakteren. Die Grenzen der Realität werden ausgedehnt und es wird für den Leser schwer zu unterscheiden.

Das allumfassende Thema des Buches sind die ungreifbare Angst und Urgewalt. Sie sind meistens nicht greifbar, sondern schwingen bedrohlich in der Erzählung mit, so wie die irrationale Angst vor der Dunkelheit. Durch die klaustrophobische Enge und die düsteren Nächte des Dschungels machen sie sich immer wieder bemerkbar. Die Erzählung lebt von den wiederkehrenden Berichten der Beteiligten von Erlebnissen aus ihrer Vergangenheit. Die Erfahrungen passen in das düstere Thema des Romans und handeln beispielsweise von Gewalt gegen Frauen. Häufig wird auch auf das Wirken von Werner Herzog und Klaus Kinski Bezug genommen, um die selbstzerstörerische und gewalttätige Handlung des Menschen zu verdeutlichen. Damit schafft der Roman eine durchgehend bedrohliche Atmosphäre.

Leider sind die vielfältigen literarischen Referenzen häufig jedoch sehr speziell und bleiben dem durchschnittlichen Leser verwehrt. Der Roman ist außerdem kurz ausgefallen und hat ein abruptes, gefühlt unfertiges Ende. Eine längere Erzählung wäre schön gewesen.

Dennoch ist der Roman lesenswert, da er sich durch einen außergewöhnlichen Schreibstil abhebt und es schafft die Leser mit wenigen Hilfsmitteln in eine düstere, bedrohliche Umgebung zu ziehen.

Carl Hanser Verlag, 978-3-446-28298-8, € 23,00

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