Feine Bücher im November 2025
Lucia Bornhofen empfiehlt:
Lucia Bornhofen empfiehlt
Aleksandra & Daniel Mizielinscy: Carp City – Die Stadt der tanzenden Karpfen
In „Carp City“, der „Stadt des tanzenden Karpfens“ soll morgen ein großes Fest gefeiert werden. Die Menschen freuen sich sehr darauf, denn dieses „Fest des Siebenarmigen Orang-Utans“ ist der Höhepunkt jeden Jahres. Leider ist bisher noch lange nicht alles vorbereitet. Ganz im Gegenteil: In diesem Jahr ist eigentlich noch nichts so, wie es sein soll. Und nun ist es an den Spieler:innen, alle Rätsel zu lösen, alle Aufgaben zu erledigen und überhaupt Ordnung ins Chaos zu bringen.
Bevor man losspielen kann, muss man bitte im großen Buch (mit den genialen Wimmelbildern) die Umschlagseite innen vorne lesen. Da steht genau, wie das Buch funktioniert, einen QR-Code bezüglich Erklärfilm gibt es auch.
Die Wimmelbilder im großen Buch bilden zusammen eine einzige große Stadt, „Carp City“. Sie sind aufgebaut wie ein Straßenatlas – es gibt also an allen Rändern immer einen Pfeil mit der Anschlussseite. Auf diesen Bild-Doppelseiten gibt es verschiedene Zahlen, und es ist vernünftig, mit einer grünen Zahl zu starten. Die Zahl führt zu einer Geschichte und die Lösung der Geschichte, die sich hinter der grünen Zahl verbirgt, ist auf derselben Doppelseite zu finden. Die meisten Aufgabe erstrecken sich aber über drei oder vier Seiten: Die sind ganz schön knifflig.
Das ist ein Buch, mit dem man viel Zeit verbringen kann! Lesen, Rechnen, genaues Gucken – mein Steckenpferd Leseförderung wird wunderbar versorgt.
Der Verlag empfiehlt ab 8 Jahren – aber ehrlich gesagt, ich hatte mit meinen bisherigen Aufgaben da auch großen Spaß!
Der Verlag empfiehlt ab 8 Jahren – aber ehrlich gesagt, ich hatte mit meinen bisherigen Aufgaben da auch großen Spaß!
Moritz Verlag, übersetzt von Hannah Gemmel, 978-3-89565-480-0, € 36,00
Lucia Bornhofen empfiehlt
Laura Trethewey: Bis zum Grund der Welt
Meine nächste Buchempfehlung ist ein Sachbuch mit vielen
Informationen, es hat eine deutliche Wissenstiefe und ist dabei gut lesbar.
Denn die Autorin erzählt das so, als wären wir gute Bekannte, denen sie
berichtet, dass sie sich für die Kartierung des Meeresbodens informierte.
Die Erdoberfläche besteht nur zu 29 % aus Land, demzufolge
besteht sie zu 71 % aus Wasser. Und unter der Wasseroberfläche, manchmal einige
Kilometer darunter, ist der Meeresboden. Es gibt nur von einem Teil des
Meeresbodens Karten; lediglich rund 15 % waren bis 2017 kartiert und die befanden
sich fast ausschließlich in Ufernähe. Seit 2017 gibt es nun Seabed 2030, das
ist eine Zusammenarbeit der Vereinten Nationen mit der privaten Nippon
Foundation. Seabed 2030 bedeutet kurzgefasst, dass im Jahr 2030 der Meeresboden
komplett erfasst sein soll – eine Herkulesaufgabe, die kaum zu schaffen ist.
Hier kommt der Milliardär Victor Vescovo ins Spiel: Er ist ein Abenteuerjunkie.
Nichts ist im zu hoch oder weit. Und in 2017 hatte er sich in den Kopf gesetzt,
in jedem Weltmeer zum tiefsten Punkt zu tauchen, „Five Deeps“ heißt das Projekt.
Auf rund 320 Seiten erzählt Laura Trethewey von der
Kartierung. Und das ist wirklich spannend und interessant – und man wird
ehrfürchtig. Denn das was da beschrieben wird, ist wahnsinnig fragil … Ich lege
Ihnen dieses Buch sehr ans Herz, wenn Sie sich für Technik, Natur und
Menschheitsgeschichte gleichermaßen interessieren. All das vereint trifft man
nicht allzu oft in einem einzigen Buch. Und schon gar nicht in einem, dass sich
so locker liest.
Mare Verlag, übersetzt von Rudolf Mast, 978-3-86648-763-5,
€ 28,00
Susanne Martin empfiehlt
Verena Boos, Die Taucherin
Amalia und Marina verbindet seit Kindertagen eine enge Freundschaft, obwohl sie weit voneinander entfernt leben: Amalia ist im Schwarzwälder Glottertal zu Hause, Marina in Valencia. Inzwischen sind die Frauen Ende vierzig, aber Valencia ist Amalias Sehnsuchtsort geblieben, denn dort, in der anderen Kultur und Sprache ist sie zupackender und mutiger als in ihrer Heimat, in der sie eher unsicher ist und nach ihrer Rolle innerhalb der Herkunftsfamilie sucht. Aber plötzlich scheint diese Freundschaft etwas zu beeinträchtigen und der Kontakt zu Marina bricht unvermittelt ganz ab. Als sie einen Anruf erhält, in dem ihr Marinas Handy angeboten wird, das sie verloren zu haben scheint, macht sich Amalia auf den Weg nach Valencia, um nach der Freundin zu suchen.
Gebannt folgen wir Leser:innen der Suche von Amalia, bei der sie Stück für Stück in Marinas Familiengeschichte vordringt und dabei feststellt, dass diese mehr mit ihrer eigenen Familie zu tun hat, als sie bisher ahnte. Mit fortschreitender Handlung enthüllt sich langsam, warum Marina verschwunden ist und damit tauchen wir auch tief ein in ein dunkles Kapitel deutsch- spanischer Vergangenheit.
Schweigen und Verschweigen ist in diesem Roman ebenso ein Thema wie Erinnerungskultur, das Erinnern oder dessen Verweigern. Mir gefiel an diesem Roman besonders die Erzählweise: Verena Boos erzählt atmosphärisch dicht und findet eine bildreiche Sprache, so dass dem Roman trotz des dunklen Themas auch eine gewisse Leichtigkeit innewohnt.
Kanon Verlag, Berlin 2024, ISBN 9783985681303, Gebunden, 288 Seiten, 24,00 EUR
Lucia Bornhofen empfiehlt
Jill Johnson: Nachtschattengewächse – Rache ist ein süßes Gift
Eustacia Rose ist Professorin für Botanik. Aber derzeit unterrichtet sie nicht. Zu Beginn des Romans wundert das kein bisschen – denn Rose hat reichlich zu tun: Sie pflegt einen Dachgarten mit Giftpflanzen aus aller Herren Länder. Es sind einige Exemplare dabei, die sie gar nicht besitzen dürfte, weil die Einfuhr strengstens untersagt ist. Es gibt auch genug Pflanzen, für die sie in ihrem Gewächshaus besondere Bedingungen schaffen muss. Das alles ist eine Mammutaufgabe.
Wobei sie ihre Professur nicht freiwillig niedergelegt hat. Und ihr Labor fehlt ihr. Die andere Professor:innen eher nicht – außer die Person, die sie innig liebte und von der sie sich auch geliebt fühlte … Nun pflegt sie also ihre Giftschätze. Und nutzt das Teleskop ihres verstorbenen Vaters. Früher ausschließlich in seinem Sinn, also um den Himmel zu beobachten. Seit einiger Zeit aber, seit sie beruflich kaum noch mit Menschen zu tun hat, auch für Erkundungen in der Nähe. Besonders hat es ihr die junge Frau von Gegenüber angetan - sie beobachtet sie über einen längeren Zeitraum hinweg. Und irgendwann, eines Nachts, wird sie von einem Schrei wach. Einem Schrei, den sie bei ihr verortet. Diese Nacht und später das Verschwinden dieser Frau lässt sie nicht mehr los: Sie macht sich auf die Suche. Und die ist weder einfach noch ungefährlich, sie muss sich alten Schwierigkeiten und verhassten Personen stellen.
Ungewöhnliches Personal, interessantes Setting, verwickelte Handlung, die aber sehr gut miteinander verwoben und sehr schlüssig ist – wer diese Art Kriminalroman gerne liest, kann sich über ein sehr besonderes Buch freuen.
Atrium Verlag, übersetzt von Stefanie Kremer, 978-3-85535-220-3 € 24,00
Lucia Bornhofen empfiehlt
Alexandra Benedict: Das tödliche Christmas
Game
Endgame Hall ist ein großes Herrenhaus, wie
viele Herrenhäuser in England liegt es einige Meilen von der nächsten Ortschaft
entfernt. Das Haus ist seit einigen Jahrzehnten in Besitz der Familie Armitage
und früher haben dort alle miteinander Weihnachten gefeiert. Und damit sind wir
sowohl bei einer Tradition der Familie, als auch bei Titel und
Handlungsverlauf: dem Christmas Game. Als sich noch alle dort trafen, gab es zu
Weihnachten jede Menge Rätsel, und erst wenn die gelöst waren, hatte man die
Chance, die Geschenke überhaupt zu finden. Besonders die Kinder der Familie
hatten ihren Spaß am Christmas Game: Lily, die mit ihrer Mutter das ganze Jahr
in Endgame Hall lebte, genauso wie Cousine Sara und Cousin Gray – das sind die
Kinder von Liliana Armitage-Feathers, die Lily nach dem Tod ihrer Mutter
adoptierte. Aber auch Ronnie und Tom, mit denen sich Lily deutlich besser
verstanden hatte und die zu Tante Veronica und Onkel Edward gehörten.
Lily hat Endgame Hall seit dem Tod ihrer
Mutter nicht mehr betreten. Und sie hat sich sehr überwinden müssen, den Bitten
ihrer Tante und Adoptivmutter Liliana Folge zu leisten und in diesem Jahr
Weihnachten mit allen Cousinen und Cousin dort zu verbringen und wieder ein
Christmas Game mitzumachen. Und dann gibt es (ganz klassisch für englische
Weihnachtskrimis) einen Schneesturm – und alle müssen bleiben, es gibt kein
Durchkommen. Sie ahnen es, auch eine telefonische Kommunikation ist nicht
möglich. Falls Sie weiterhin ahnen, dass es zu Toten kommen wird: Das kann ich
Ihnen „versprechen“. Und dass es spannend wird und die Auflösung sich nicht
abzeichnet und man nur im Rückblick erkennt, wie alles angelegt war, das
verspreche ich Ihnen auch.
Außerdem sind im Text einige Rätsel
versteckt, die das Lesevergnügen, wenn man sie denn lösen möchte, noch einmal
erhöhen.
Tropen Verlag, übersetzt von Elisabeth
Schmalen, 978-3-608-50267-1, € 17,00
Susanne Martin empfiehlt
Liz Moore: Der Gott des
Waldes.
August 1975: Die 13jährige
Barbara verschwindet von einem Sommercamp in den Adirondack Mountains. Das
Verschwinden des Mädchens wäre an und für sich schon eine Katastrophe, denn die
Wälder des Naturreservats sind einsam und gefährlich. Aber Barbara ist nicht
irgendeine Jugendliche, sondern sie ist die Tochter der van Laars – einer
Familiendynastie, der die Wälder und das Camp gehören. Und sie ist die
Schwester von Bear, dem Sohn der van Laars, der 14 Jahre zuvor ebenfalls in den
Wäldern verschwand und seitdem vermisst wird. Eine hektische Suche beginnt……
Dieses Buch ist weit mehr
als ein Krimi! Aus mehreren Zeit- und Personenperspektiven entwirft Liz Moore
ein Gesellschaftspanorama der 50er, 60er bis in die 70er Jahre. Ich fand es
großartig, wie es der Autorin von Anfang an gelingt, eine dichte Atmosphäre zu
schaffen und eine subtile Spannung aufzubauen, die wie ein Sog wirkt. Sie wird
nicht durch äußere Dramatik erzeugt, sondern resultiert aus dem geschickten
Aufbau der Handlung und dem Beziehungsgeflecht, das sich nach und nach
enthüllt. Die frischgebackene Inspektorin Judyta Luptack muss in diesem
Gestrüpp aus sozialen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten ermitteln. Die
Stellung der Frauen und ihre Schwierigkeiten, ein selbstbestimmtes Leben führen
zu können wird ebenso thematisiert wie die Dekadenz einer Oberschicht, die in
Geld schwimmt. Dabei hat der Roman beinahe etwas filmisches – durch geschickte
„Schnitte“ führt uns Liz Moore ganz langsam heran an das, was mit Bear und
Barbara passiert ist.
Ein tolles Lesevergnügen,
ein hochspannender Roman mit Tiefgang, der mich von der ersten Seite an
gefesselt hat – genau das richtige für ein ausgedehntes Schmökerwochenende!
Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. 590 S., mit 1 Karte, geb., 26
€. ISBN 978-3-406-82977-2
Lucia Bornhofen empfiehlt
Hartmut Vollmer (Hrsg.): Vom Glück der
Stille
Nach zwei „handfesten“ Krimis und einem
Roman, der viele Spannungselemente enthält, gibt es nun ein Buch zum
Entspannen.
Es ist die Anthologie „Vom Glück der Stille - Gedichte, Geschichten und Gemälde
zum Innehalten“, erschienen im Reclam Verlag. Das Buch hat vier Kapitel, ein
interessantes Nachwort und natürlich ein Verzeichnis, in dem alle Autor:innen
zu finden sind. Und auch, woher der abgedruckte Text stammt, sodass man, wenn
man Lust dazu hat, auch den gesamten Roman, die Erzählung oder den Gedichtband
lesen kann.
Die vier Kapitel heißen „In stillen
Zimmern“, „In stiller Natur“, „In stillen Nächten“ und „Stilles Glück“ und die
Texte sind sehr schön und passend zu diesen Kapitel ausgewählt, wie ich finde.
Gerade bei Situationsbeschreibungen, die man aus dem eigenen Alltag kennt,
stellt sich sofort eine Art Zufriedenheit ein. Die meisten Gemälde sind
übrigens aus dem ausgehenden 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert und auch
die Texte entstammen eher dieser Zeit – mir scheint, die Suche nach „Stille“
ist ein eher junges Phänomen.
Bei den Autor:innen sind sehr bekannte Namen dabei, bei den Maler:innen ebenso.
Und man kann wirklich versinken, im Lesen wie im Betrachten …
Reclam Verlag, 978-3-15-011518-3, € 16,00
Lucia Bornhofen empfiehlt
Ann Schlee: Die Rheinreise
Die Märzrevolution im Jahr 1848 war ein
Einschnitt für Deutschlandreisende. Bis zu diesem Jahr zählte eine Rheinreise
mit dem Dampfschiff zu dem, „was man getan haben muss“. Danach ging es erst
langsam wieder los und die Reisenden aus Frankreich und England erlebten
hautnah mit, wie das freie Wort und das freie Reisen durch Polizei- und
Regierungsgewalt beschnitten wurde. Das Vorwort sorgt dafür, dass man das als
Subtext stets mitliest.
Im Jahr 1851, in dem der Roman spielt,
reist „man“ also wieder nach Deutschland. Und das tut die Familie Morrison –
Reverend Charles mit Frau Marion und Tochter Ellie sowie Charles‘ Schwester
Charlotte. Charlotte war bis vor kurzem Haushälterin, jetzt ist ihr Arbeitgeber
verstorben und hat ihr, zu ihrer großen Verwunderung, einiges Geld vermacht.
Trotzdem kann sie das Angebot ihres Bruders, zu ihnen zu ziehen, kaum ablehnen;
die Rheinreise ist eine Art Test fürs Zusammenleben. Gleichwohl gehen alle
davon aus, dass sie bald einen Haushalt teilen.
Doch beim Anleger in Koblenz entdeckt Charlotte
eine Gestalt, die aus fernen Zeiten zu kommen scheint: Der Herr sieht aus, wie
der Mann, der damals um ihre Hand anhielt. Den sie sehr liebte. Die Hochzeit
blieb ihnen verwehrt und sie hat die letzten 20 Jahren immer seltener an ihn
gedacht, doch der Anblick am Anleger sorgt für reichlich Herzschmerzen.
Koblenz ist klein, man läuft sich öfter
über den Weg, zumal die Newmans – Mr. Newman ist wirklich nicht ihre alte
Liebe, aber er sieht ihm so sehr ähnlich - ebenfalls Engländer sind und sie auf
dem gleichen Schiff weiterreisen. Charlotte muss sich stets neu sortieren.
Auch, als ein Unglück geschieht und sie sich auf ihren eigenen Verstand
verlässt – und damit ihren Bruder, vor allem aber ihre Schwägerin vor den Kopf
stößt. Ganz am Schluss hat übrigens auch die redliche, freundliche Charlotte
einen ungewöhnlichen Trick parat!
Vom Erzählstil wirkt dieser Roman typisch
britisch, mit einem genauen Blick für Details und sanfter Ironie, die ein
bisschen an Jane Austen erinnert. Und dann liest man, dass die Autorin Ann
Schlee 1934 in Connecticut geboren wurde und sie ihre Karriere mit dem
Schreiben von Kinderbüchern begann. „Die Rheinreise“ ist ihr erstes Buch für
Erwachsene und ich möchte es dringend empfehlen!
Dumont Verlag, übersetzt von Werner
Löcher-Lawrence, 978-3-7558-0047-7, € 24,00
Susanne Martin empfiehlt
Essmann, Teres: Schwarzer Schwan
Jürgen Krause ist Taxifahrer in Köln und wird von Federico Temperini
als Chauffeur engagiert. Zu bestimmten Terminen, die er ein paar Tage vorher
erfährt, soll er ihn zur Kölner Philharmonie fahren und dort bis zur Rückkehr
des Fahrgastes warten. Das Honorar stimmt und Krause übernimmt den Auftrag.
Temperini gibt nichts von sich preis, aber er ist geradezu besessen von Niccolò
Paganini, dem italienischen Geigenvirtuosen, und erzählt Krause bei jeder Fahrt
von ihm. Jürgen Krause hängt mehr der Rock- und Popmusik an, aber was sein
Fahrgast ihm erzählt, macht ihn neugierig. Langsam nähern sich die beiden
Männer aneinander an, auch wenn Temperini ganz offensichtlich ein Geheimnis
hütet, das er partout nicht aufdecken möchte.
Diesen fein gesponnenen Roman habe ich sehr gerne und in einem Rutsch
gelesen. Die Stuttgarter Autorin Theres Essmann erzählt feinfühlig und doch
ökonomisch. So unterschiedlich die beiden Männer auch sind, so können sie
einander doch viel geben: Temperini gibt Krause den entscheidenden Impuls, der
ihm hilft, das schwierige Verhältnis zu seinem Sohn neu zu gestalten, dieser
wiederum wird zur wichtigen Bezugsperson des einsamen alten Herrn.
Aber es sitzt noch ein Dritter mit im Taxi: Niccolò Paganini. Dessen
Schicksal bezieht Temperini immer wieder auf sein eigenes, in der
Vater-Sohn-Beziehung jedoch auch auf das von Jürgen Krause. Und es geht
natürlich um Musik und welch große Bedeutung sie im Leben hat. Wir erfahren bei
jeder Fahrt, was auf dem Programm des Abends steht und im Gegensatz zu Jürgen
Krause war mir vieles davon bekannt. Die Lektüre regte mich an, manches wieder
zu hören und neu zu entdecken – vielleicht geht es Ihnen genauso!
Doerlemann Verlag, 144 Seiten, gebunden, 22 €, ISBN 978-3-03820-171-7 Titel der deutschen Erstausgabe: Federico Temperini
Website der Autorin Theres Essmann: LINK
Lucia Bornhofen empfiehlt
Kathrin Schärer: Alle? Nicht alle!
„Alle schlafen.“ Zu sehen ist eine
Mäusefamilie, gemütlich miteinander verkuschelt. „Nicht alle stehen gerne auf.“
Vier Mäuse blicken erwartungsvoll und abenteuerlustig in den Tag – eine Maus
liegt zusammengerollt im Strohlager.
„Alle sehen auf irgendeine Weise. Manche ‚sehen‘ mit den Ohren, der Nase den Händen.“ Auf dieser Doppelseite spaziert der Hase, erkennbar mit blinden Augen, mit seinem Blindenstock und begleitet von Igel über die Wiese.
„Alle gewinnen gerne.“ Vier Frösche haben Spielsteine und Würfel vor sich.
„Manche können schlecht verlieren.“ Der vierte Frosch ist eindeutig wütend.
Das sind nur drei Beispiele. In 27 weiteren
Gegensatzpaaren werden grundsätzliche Dinge (zum Beispiel schlafen oder essen)
oder sehr persönliche (das Ruhebedürfnis zählt unter anderem dazu) dargestellt.
Alle Doppelseiten sind für Kinder ab drei Jahren nachvollziehbar, die Wortwahl
passt, aber auch der Erlebnishorizont. Größere Kinder und wir Erwachsene mögen
das Buch genauso – es hat einfach sehr viel Humor. Und trotzdem nimmt Kathrin
Schärer, die sowohl den Text verantwortet als auch die Illustrationen, ihr
„Zielpublikum“ eindeutig ernst. Sie macht sich auf keinem Bild über ihre
kleinen Protagonisten lustig, wir Leser:innen lachen mit ihnen, nicht über sie.
Gerade weil Kinder sich mit Bilderbuchfiguren identifizieren, ist das ungemein
wichtig.
Darüber hinaus sind die Bilder, wie man es
von Schärer kennt, einfach wieder großartig! In gedeckten Farben und ziemlich
realistisch ist ihre Tierbande gezeichnet, und jedes Tier hat seinen ganz
eigenen Gesichtsausdruck.
Das ist ein wichtiges, schönes, lustiges
Bilderbuch, das in keinem Kinderzimmer fehlen sollte und kleine Menschen über
lange Jahre begleitet.
Hanser Verlag, 978-3-446-28263-6, € 14,00